Archiv der Kategorie: Italienisch für Anfänger

Suchanfragen XI – Entschuldigung

Margerite

1. Gut bei Entschuldigungen kommen in der Regel auch Blumen an.

Alpenfeilchen

2. Allerdings sollte man sich gegen Topfpflanzen entscheiden.

Ganz neu, dass mal jemand keine Schimpfwörter auf meinem Blog sucht, sondern sich im Gegenteil bei jemandem entschuldigen möchte.

Hier also zur schnellen Beziehungsrettung:

„Vergib mir!“ – „Perdonami!“ (Mit Betonung auf dem „o“.)

Hyazinthe rosa

3. Sollte die Entschuldigung nämlich nicht akzeptiert werden, könnte es weh tun.

„Es tut mir Leid.“ – „Mi dispiace!“ (Gesprochen in etwa: Mi dispjatsche. Mit Betonung auf dem „a“.)

…und wem das noch nicht reicht, der kann sich ja zur Abwechslung mal selbst beschimpfen. Inspiration nötig? Hier.

Blogparade – Der meist gelesene Artikel

Wenn man nicht viel zu tun hat – und im Moment halten sich meine körperlichen Aktivitäten in Grenzen – bietet einem WordPress eine Menge Optionen zum Herumspielen und Zeitvertrödeln. Konkret spreche ich da von den Statistiken.

WordPress und seine Statistiken

Für Uneingeweihte möchte ich kurz erklären, dass man sich mit Hilfe der Statistiken über den Verkehr auf seinem Blog informieren kann. Darüber, dass man häufig mitgeteilt bekommt, welche Suchphrasen Blogbesucher in die Suchmaschinen eingegeben haben, um einen Beitrag von mir zu finden, habe ich bereits geschrieben. Aber man sieht beispielsweise auch, wie viele Personen auf den Blog gefunden haben, aus welchem Land sie kamen oder wie viele und vor allem welche Seiten angesehen wurden.

Der meist gelesene Artikel auf MeinApulien

Unlängst habe ich beim Surfen durch die Bloglandschaft den Bericht eines Bloggers gefunden, der seinen meist gelesen Artikel vorstellte. Das fand ich interessant und habe deshalb auch mal bei mir nachgesehen, welches Thema auf die größte Resonanz gestoßen ist. ERSCHÜTTERND – kann ich das Ergebnis nur nennen. Bereits im Jahr seines Erscheinens (2013) wurde er doppelt so oft angeklickt, wie der Blogartikel der im Ranking an zweiter Stelle steht. 2014 sah es genauso aus und in diesem Jahr liegt er bereits seit Juni derart weit abgeschlagen an erster Stelle, dass er bis zum Jahresende wohl viermal so oft angeklickt werden wird, wie der zweite Platz. Die Rede ist von einem Artikel über italienische Schimpfwörter.

Schimpfen in Fremdsprachen – Der Reiz des Verbotenen?

Ich habe mein persönliches Schimpfwörterbuch mehr oder weniger freiwillig im täglichen Leben vor Ort oder beim Ansehen von Filmen zusammengestellt. Obwohl ich sie nur mäßig benutze, habe ich mich trotzdem schon bei so manchem laut gesprochenen „cretino“, „vaffanculo“ oder „cazzo“ selbst erwischt. In Schrecksekunden rutscht mir meist noch ein deutscher Fluch über die Lippen und das ist dann vielleicht auch besser so. Trotzdem ist es doch überdenkenswert, warum gerade Schimpfwörter in Fremdsprachen so interessant sind … und nicht zum Beispiel die Konjugation der unregelmäßigen Verben, die dem Sprechenden ungleich weiter helfen könnte.

Ist es die Faszination des Bösen, des Verbotenen, die uns schon in unserer Kindheit gerade alles das sagen ließ, von dem unsere Eltern behaupteten, man dürfe es nicht sagen? Oder liegt es vielleicht daran, dass man Schimpfwörter in Fremdsprachen als gar nicht so schlimm empfindet, wie wenn man sie in seiner Muttersprache sagen würde? Das sexuell angehauchte „Welch‘ ein Schwanz!“ klingt doch irgendwie vulgärer in meinen deutschen Ohren, als „Che cazzo!“ zu sagen. Oder für alle Anglophonen Sprecher: kommt einem nicht das das englische „shit“ oft einfacher über die Lippen als ein herzhaftes, aber deutliches „Scheiße!“?

Deutsches Ich vs. Fremdsprachen-Ich

Tatsächlich wage ich zu behaupten, dass ich ganz unabhängig von Schimpfwörtern auf Italienisch eine entspanntere, freiere und vielleicht sogar etwas frechere Person bin, während ich auf Deutsch sehr viel mehr reflektiere, vorsichtiger spreche und emphatischer auf Schwingungen in einem Gespräch reagiere. Das mag zum einen daran liegen, dass ich im Italienischen auf einen einfacheren, weniger komplexen Wortschatz zurückgreifen muss, zum anderen liegt es aber sicher auch daran, dass man mit den Worten auch die Kultur verinnerlicht. Wenn um einen herum alle „non ti preoccupare“ („sorge dich nicht“) als tägliches Mantra wiederholen, dann sorgt man sich irgendwann auch weniger und nimmt diese relaxte Haltung tatsächlich an.

Oder nehmen wir eine Begebenheit, die sich in einem Deutschkurs zutrug, als ich nach dreimaliger Verbesserung auf Deutsch im Unterricht schließlich auf Italienisch meinte, wenn noch ein Schüler sagen würde, dass er in den Sommerferien hierhin oder dorthin in den Urlaub gehen statt fahren oder fliegen würde, dann sollten sie sich nicht darüber wundern, wenn sie am nächsten Morgen vom verzweifelten Selbstmord einer Deutschlehrerin in der Gazetta del Mezzogiorno lesen würden. Das hätte ich auf Deutsch als sehr unprofessionell empfunden und sicherlich auch noch zum viertel Mal geduldig erklärt, dass man gehen nur sehr allgemein oder für Fortbewegungen zu Fuß benutzt. Aber der „Professoressa“ Corinna ist es einfach so herausgerutscht und hat sowohl für einen Heiterkeitsausbruch als auch für leicht verstörte Gesichter gesorgt.

Und die Moral von der Geschichte?

Natürlich freue ich mich, dass mein Artikel über italienische Schimpfwörter immer wieder Leser auf meinen Blog lockt, denn es besteht auch jedes Mal die Chance, dass sie bleiben und noch den einen oder anderen Bericht über meine Wahlheimat Apulien lesen, was mir persönlich mehr am Herzen liegt. Aber was ich allen Lesern hier außerdem mit auf den Weg geben will, ist das Folgende:

Lernt Fremdsprachen und ihr werdet vermutlich Seiten an euch entdecken, von denen ihr bis dahin gar nichts geahnt habt!

Im Wolfsmaul

Jedes Volk hat seine Eigenarten, wenn es jemandem gutes Gelingen wünscht: Wir Deutschen drücken oder halten die Daumen. Die Engländer halten die Finger für die betreffende Person gekreuzt. Vielleicht kennt ihr aus anderen Sprachen ähnliche Redensarten, dann lasst sie gern in einem Kommentar zurück.

In Italien hingegen wünscht man den anderen ins Wolfsmaul. „In bocca al lupo!“ heißt es, wenn eine schwierige Situation gemeistert werden muss. Woher diese Redensart kommt und warum man den Anderen gerade in den Rachen des Feindes wünscht, ist wie bei den meisten Redensarten schwer nachzuvollziehen. Was ich zunächst sehr merkwürdig bis unverständlich fand, erschien mir jedoch weniger eigenartig, als mir einfiel, dass wir im Deutschen die Art und Weise, jemandem genau das Gegenteil von dem zu wünschen, das eintreten soll, ebenfalls kennen. Wenn wir beispielsweise „Hals- und Beinbruch“ sagen, heißt das noch lange nicht, dass wir unser Gegenüber im Gips oder gar Sarg wiedersehen wollen.

Am ehesten kann man sich also vorstellen, dass diese Redensart aus dem Jagdjargon kommt, möglicherweise auch aus dem Ambiente der Hirten, für die der Wolf sicherlich eine der größten Bedrohungen darstellte, und genau das Gegenteil von dem ausdrücken sollte, was es wörtlich bedeutet.

In bocca al lupo“ – sagt also der Italiener, wenn er jemandem Erfolg wünschen möchte. Daraufhin sollte man aber keinesfalls mit „Danke!“ antworten. Die richtige Antwort lautet: „Crepi (il lupo)!“ und bedeutet wörtlich, dass der Wolf krepieren soll, und im übertragenen Sinn, dass man die Oberhand über die schwierige Situation behalten wird.

Soweit mein kleiner Exkurs in die Eigenheiten der italienischen Sprache und für all eure heutigen Vorhaben: In bocca al lupo!

Che cazzo volete da me!? – Schimpfen auf Italienisch II

Da immer wieder Menschen auf meinen Blog fanden, weil sie auf der Suche nach italienischen Übersetzungen von Ausdrücken aus dem Deutschen waren, habe ich verstanden, dass mein Bericht vom letzten Jahr über italienische Schimpfwörter nicht genügt und ich einen weiteren Artikel darüber schreiben muss – Schimpfen für Fortgeschrittene quasi.

Ich werde im Folgenden also alle Suchmaschinenanfragen beantworten und einige Recherchen bei italienischen Teenagern wiedergeben, die im Gebrauch von unflätigen Schimpfwörtern bewanderter sind, als Luigi oder seine Eltern es jemals sein oder in Bezug auf sich selbst zugeben werden.

Ich erinnere mich noch, wie ich das Wort “puttana” zum ersten Mal hörte. Es wurde mir von einer bettelnden Punkerin entgegengeschleudert, als ich gerade mal wieder auf Marias Rat gehört habend nur mit meiner Kamera und meinem Zugticket bewaffnet in Bari unterwegs war, und besagter Punkerin kein Geld geben konnte. Nachdem ich herausgefunden hatte, dass “puttana” “Hure” heißt, habe ich es auch nicht bereut, dass ich an diesem fernen Tag gerade klamm war. Normalerweise habe ich ein großes Herz für Leute, die alternative Verdienstmöglichkeiten nutzen müssen; zum Beispiel für mein Patenkind in Afrika, Straßenmusikanten oder abgewrackte Omas vor Kirchen. Bei jugendlichen Bettlern hingegen hält sich mein Mitleid bis heute in Grenzen. Ich hoffe, ich begegne dieser Person noch einmal. Dann werde ich ihr erklären, warum sie niemals Geld von mir bekommen wird.

Hier weitere von Internetnutzern angefragte und recherchierte Begriffe:

1. Vulgäre italienische Schimpfwörter

Cazzo! – Arsch, Vollidiot

Figlio di puttana! – Hurensohn

Stronzo! – Scheißkerl, Wichser, Arsch mit Ohren (wörtl. eher “Scheißhaufen”)

Maledetto stronzo! – Steigerung von stronzo

Mi stai sul cazzo! – Du gehst mir auf den Sack (die Eier, die Nüsse)!

Vaffanculo! – Arschloch! Leck mich (am Arsch)!

Vai a cacare! – Verpiss dich! (wörtl. “Geh kacken!”)

2. Weniger vulgäre Ausdrücke

Che te ne frega!? – Das geht dich einen Dreck an!

Che porcheria! – Was für eine Sauerei!

Merda! – Scheiße!

Bertuccia! Vecchiaccia! – Alte Schachtel!

Vattene via, idota! – Hau‘ ab, du Blödmann!

3. überhaupt nicht vulgär

Poveretta, tua madre! – Deine arme Mutter! (Im Mitleid mit der Mutter wird die Missbilligung mit derem missratenen Kind deutlich. Gern auch von den entsprechenden Müttern selbst benutzt.)

4. Flüche

Dannazione! Maledizione! – Verdammt! Verflucht! (unlängst erst bei Verdi gehört und daher vermutlich gesellschaftsfähig)

Porca miseria! – So ein Mist! (wörtl. “elende Armut”)

Porca puttana! – Verdammte Scheiße! (wörtl. “Schweineschlampe”)

Cazzo! – Mist! Scheiße! (Wird auch wie “Ach, du Schreck!” im täglichen Sprachgebrauch verwendet oder z.B. so: “Che cazzo fai!? – “Was machst du bloß für einen Mist!?” oder siehe Überschrift “Che cazzo volete da me!?” Was zum Teufel wollt ihr von mir!?”)

4. Andere Übersetzungsanfragen

Ich hoffe sehr, dass diese Frage noch vor meinem Artikel geklärt werden konnte und zu keinem Zerwürfnis geführt hat. Trotzdem hier zur Sicherheit: Nimm mich das nächste Mal mit! – La prossima volta portami con te!

Und, weil diese Übersetzung zwar kein Schimpfwort beinhaltet, aber auch nach fast einem Jahr Apulien noch ein Lebensmotto von mir ist, klären wir zum Abschluss die folgende Anfrage:

 “Ich bin sehr gespannt auf Italien.” – “Sono molto curioso (m)/ curiosa (w) dell’Italia.”

Sollte noch jemand Wünsche oder Anregungen zur Erweiterung dieser Zusammenstellung haben, nehme ich gern Ergänzungen vor.  

 

für mehr Schimpfwörter  h i e r  klicken

Vom Flirten, Mitgiftjagen und Steuern hinterziehen – Auswandern auf Italienisch

Ich beschäftige mich nun schon seit mehreren Monaten mit den Italienischlernprogrammen von sprachenlernen24. Dabei habe ich festgestellt, dass gerade die Wörter am besten im Gedächtnis bleiben, zu denen man eine witzige oder auch aberwitzige Beziehung aufbauen kann. Inzwischen habe ich den Aufbauwortschatz zum Thema „Auswandern“ beendet und 10 Wörter/ Wortgruppen gehen mir freiwillig nicht mehr aus dem Gedächtnis.

1. flirtare

 Lehnwort – super! So etwas lässt sich immer leicht merken.

2. seduttore a caccia di dote – Mitgiftjäger

Mhm, warum befindet sich das wohl unter den 2100 hilfreichsten Wörtern zum Thema Auswandern? Mal überlegen… Damit könnte ich einem Italiener, der mich abends in einer Bar anspräche, zum Beispiel antworten: „Mi piacerebbe flirtare con Lei, ma Lei non é un seduttore a caccia di dote?

“Ich möchte gern mit Ihnen flirten, aber sind Sie auch kein Mitgiftjäger?“ Welche Antwort würde ich wohl erhalten? Und, was würde Luigi zu einer solchen Aktion sagen?

3. polo nord – Nordpol

Werde ich unbedingt beim nächsten Bewerbungsgespräch unterbringen: „Perchè Lei è venuta in Italia?” – “Senta, in realtà volevo andare al polo nord, ma probabilmente ho preso il bivio sbagliato.”

“Warum sind Sie nach Italien gekommen?“ – „Eigentlich wollte ich zum Nordpol, aber habe wahrscheinlich die falsche Abzweigung genommen.“

4. il rotolo di banconote – das Geldbündel

Haaaallo! Schon mal was von Kreditkarten gehört?

5. evadere le tasse – Steuern hinterziehen

Ein Volkssport in Italien, der dem Land jährlich zwischen 120 und 150 Millionen Euro kostet. An der Spitze der Steuervermeider stehen Anwälte und Notare, die aufgrund von Fahndungsdruck inzwischen dazu übergegangen sind, ihr zu versteuerndes Jahreseinkommen mit deutlich über 20.000 Euro anzugeben, was aber trotzdem nicht bedeuteten muss, dass die Angaben den tatsächlichen Einnahmen entsprechen.

6. pagare lo straordinario – Überstunden ausbezahlen

Das Ausbezahlen von Überstunden ist nach einer Umfrage unter Luigis Verwandten noch bei niemandem vorgekommen.

7. lo specchietto esterno – der Außenspiegel

Eine besonders gefährdete Komponente an italienischen Fahrzeugen. Nicht selten ist er demoliert oder fehlt gänzlich.

8. obliterare il biglietto – den Fahrschein entwerten

Ja, auch das will in mehrerer Hinsicht gelernt sein. Auf dem Rückweg von Alberobello mit meinen Eltern im Schlepptau vom Schaffner nach den Tickets gefragt, diese mit gutem Gewissen gezückt und ihm zum Lochen unter die Nase gehalten. Plötzlich: „Die Tickets sind aber nicht entwertet.“ – Immer noch guten Gewissens: „Klar, habe ich heute früh gemacht!“ – „Für die Rückfahrt müssen Sie aber die andere Seite entwerten.“ – Nun doch zerknirscht: „Oh.“ – „Ich könnte jetzt 100 Euro Strafe von Ihnen verlangen.“ – Noch etwas zerknirschter und mit unglaublich schuldigem Gesichtsausdruck: „Oooh, das tut mir leid. Ich wusste das nicht.“ – Zufrieden mit sich und seiner pädagogisch wertvollen Arbeit locht er das Ticket lächelnd auf der anderen Seite: „Va bene. Aber beim nächsten Mal denken Sie daran.“ „Ja, natürlich. Danke.“ Puh, noch einmal Glück gehabt!

9. sporgere querela – Klage einreichen

Ein weiterer italienischer Volkssport. Hobbymäßig geklagt wird vor allem wegen Strafzetteln. Die Gerichte sind damit so überlastet, dass sich ein uns bekannter Ordnungshüter bereits dreimal überlegt, ob er ein Ticket wegen Falschparkens ausstellt oder lieber am Auto wartet, um den Verkehrssünder mündlich zu ermahnen.

10. mucchio di rifiuti organici – Komposthaufen

Ist noch aus dem Grundkurs hängen geblieben, aber perfekt für den nächsten Besichtigungstermin unserer Terrassenwohnung mit unserer ambizionierten Architektin. Diese sollte eigentlich nur die Renovierungsarbeiten überwachen, hat aber schon jede Menge kostspielige Vorstellungen für einen kompletten Wohnungsumbau geäußert. Ich sorge innerlich bereits gegen mögliche Ideen für unsere Terrasse vor. „Questo sarebbe il posto perfetto per una vasca con idromassaggio.“ – „Non è possibile. Lì facciamo il mucchio di rifiuti organici.”

„Und hier wäre der perfekte Platz für einen Whirlpool.“ – „Geht nicht. Hier kommt schon der Komposthaufen hin.“

***

Das waren also meine aktuellen Italienischfavoriten. Ich bin gespannt, welche Erfahrungen ihr mit dem Lernen einer Fremdsprache gemacht habt? Welche Wörter haben sich denn besonders in euer Gedächtnis eingebrannt? Nutzt einfach die Kommentarfunktion für eure Geschichten.

Abgesehen davon werde ich mich am Wochenende in die apulische Karnevalshochburg Putignano begeben, die auf eine der längsten Karnevalstraditionen Europas zurückblicken kann.  Als ausgemachter Faschingsmuffel und Vermeider von Großveranstaltungen bemitleide ich mich schon selbst deswegen. Aber, was tu ich nicht alles für euch und die Wissenschaft . . . Helau!

Zieh mich hoch

Zum sechsten Mal wurde am 17. Januar deridic Internationale Tag der italienischen Küche begangen. Ausgerufen haben ihn die Mitglieder des Vereins GVCI („Virtuelle Gruppe italienischer Köche“). Dieser hat sich aus einer Internetinitiative heraus formiert und sich zum Ziel gesetzt, weltweit den Qualitätsstandart und die Authentizität der italienischen Gastronomie zu bewahren und zu verbessern. Der erste Internationale Tag der italienischen Küche im Jahr 2008 stand ganz im Zeichen der Spaghetti Carbonara. Dann wurden die Gerichte beispielsweise mit dem „Ossobuco in gremolata alla Milanese“ etwas spezieller. In diesem Jahr jedoch lag der Fokus auf einem weltbekannten Dolce, das uns schon so manches Feiertags- oder Sonntagsessen versüßt hat: auf dem Tiramisu.

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Tiramisu ist eine Süßspeise, die hauptsächlich aus Eiern, Zucker, einem Frischkäse namens Mascarpone und Löffelbiskuits (öst. Biskotte) besteht. Das Ganze ist eine wahre Kalorienbombe, aber wer es einmal probiert hat, kommt nie wieder davon los. Von der absoluten Suchtgefahr und dem damit leicht einhergehenden vollem Magen kommt vielleicht auch der Name „Tiramisu“. Möglicherweise hat es bereits Leute gegeben, die nach dem Genuss nicht mehr allein aufstehen konnten, denn übersetzt bedeutet Tiramisu so viel wie „Zieh mich hoch“. Jedenfalls ist der Vereinigung der Köche mit der Wahl des Tiramisu als „Gericht des Jahres“ mindestens hier in Italien die volle Aufmerksamkeit sicher gewesen. Luigi und ich haben von diesem freudigen Ereignis am Donnerstag in den Hauptnachrichten erfahren und sofort beschlossen, dass es bei uns am heutigen Sonntag Tiramisu geben sollte.

Damit sich die Aromen mischen und entfalten sowie die Biskuits gut durchziehen können, empfiehlt es sich, das Gericht bereits am Vortag zuzubereiten. Deshalb kam es uns gelegen, dass Maria und Pasquale am Samstagvormittag ins Einkaufszentrum fahren wollten. Wir hatten geplant, die ganze Aktion guerillamäßig aus dem Hinterhalt durchzuführen: Rein, raus und weg. Das lief insgesamt auch ganz gut, nur mit dem „rein“ hatten wir zunächst Probleme. Im sprichwörtlichen „Supermarkt um die Ecke“ war es am Samstagvormittag nämlich so voll, dass man kaum treten konnte. Selbst am Käsestand musste man Nummern ziehen, weil Italiener nicht in der Lage sind, eine geordnete Reihe zu bilden, sondern sich immer traubenartig um ihr Ziel zu lagern pflegen. Je mehr Italiener auf einen Haufen kommen, desto verwirrender wird die Situation. Deshalb war das Nummernspiel gestern reine Notwehr der Ladenbetreiber. Während Luigi also mit seinem Nummernzettelchen irgendwo vor der Käsetheke herumlungerte nach frischem Mascarpone anstand, machte ich einen Abstecher in einen Obst- und Gemüseladen, in dem es immer frische Eier von hoffentlich glücklichen Hühnern gibt. Als ich wiederkam, wartete Luigi immer noch in einer Menschentraube an der Käsetheke. Also schlug ich mich erneut in Richtung Eingang zurück und packte schon mal die letzten zwei Päckchen Löffelbiskuits, die ich im Keksregal finden konnte, in unseren Beutel. Es sah ganz so aus, als wären noch mehr Triggianesen vom Tiramisutag inspiriert worden.

Als wir nach einer geschlagenen Stunde endlich wieder zu Hause waren, blieb uns noch etwa eine weitere Stunde für die Zubereitung. Doch zum Glück ist Tiramisu schnell gemacht und überhaupt nicht anspruchsvoll. Daher gibt es vermutlich so viele Varianten – sowohl hinsichtlich der Mengenangaben der Grundzutaten als auch hinsichtlich von saisonalen Abwandlungen wie z.B. Erdbeertiramisu. Hier also das traditionelle Familienrezept aus dem Hause Grillo für 6 (hungrige) Personen oder ein Gefäß von ca. 30 x 20 x 4 cm.

Zutaten:

  • 4 frische Eier
  • 120 g Zucker
  • 500 g Mascarpone (im Kühlregal)
  • 500 g Löffelbiskuit
  • 400 ml kalter Kaffee
  • 2 Päckchen Vanillezucker
  • Amarettolikör (z.B. Disaronno)
  • Kakao

Zubereitung der Mascarponecreme

  1. Eier trennen, die Eiweiße steif schlagen und im Kühlschrank zwischenlagern
  2. Eigelb mit dem Zucker und Vaniellezucker schaumig schlagen
  3. Mascarpone löffelweise unterrühren
  4. Amarettolikör nach Geschmack zugeben (kosten)
  5. Eischnee unterheben

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Nun wird die Creme abwechselnd mit den Löffelbiskuits in die Form geschichtet. Angefangen wird dabei mit der Creme. Dann die Löffelbiskuits mit der Länge kurz in Kaffee tunken und dicht an dicht auf die Cremeschicht legen; ruhig ein bisschen andrücken. Anschließend wird wieder Creme daraufgegeben, verstrichen und die nächste Lage Löffelbiskuits eingeschichtet. 4 cm Höhe reichen knapp für drei Schichten. Abgeschlossen wird das Ganze mit einer Cremeschicht, die anschließend großzügig mit Kakao bestäubt wird.

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Wir haben das Tiramisu für größere Feiern auch schon in Whiskygläser geschichtet. Das sieht gut aus und hat den Vorteil, dass man es vor dem Verzehr nicht mehr zu portionieren braucht, aber es ist natürlich eine zeitaufwendigere Fummelarbeit. Dafür waren wir viel zu sehr in Eile, denn kaum war das fertige Tiramisu im Kühlschrank verschwunden, klingelte auch schon das Telefon. Die Küchencheffin ordnete an, das Nudelwasser aufzusetzen. Uns blieb gerade noch genug Zeit, das Schlachtfeld wieder in seinen aufgeräumten Ausgangszustand zu versetzen, da stand Maria schon in der Tür.

IMG_20130120_172210Pasquale, der ein ausgemachter Naschkater ist, grinste erfreut von einem Ohr zum anderen, als er das Tiramisu im Kühlschrank entdeckte. Er präsentierte es heute Mittag am Tisch wie eine Trophäe und auch Maria lobte die Konsistenz und den Geschmack. Falls ihr noch kosten möchtet, dann müsst ihr euch wirklich beeilen, denn der klägliche Rest, den wir wegen der vorhergehenden vier Gänge übrig lassen mussten, wird das Abendessen sicherlich nicht überleben.

Gelüste

Ich bin gerade auf dem Weg zur Post, um eine Geburtstagskarte an meine Oma aufzugeben, da höre ich schon von Weitem eine knarzende Stimme: „Mandarinen – 50 Cent das Kilo, Orangen, Zitronen…“. Kurz darauf biegt ein kleiner Transporter mit halboffenem Verdeck um die Ecke und das Anpreisen des durch Triggiano geschaukelten Obstes und Gemüses fängt von vorn an, bis der Fahrer an einer Ecke anhält. Wie aus dem Nichts tauchen einige Omchen auf und beginnen das Auto zu umlagern, so dass der Fahrer herausspringt und zu verkaufen anfängt. „Gut,“ denke ich, „hier kannst du dir nachher noch eine Zwiebel besorgen.“ Seit Tagen habe ich nämlich schon Hunger auf Rührei.

Rührei zählt in Italien nicht gerade zu den bekanntesten Gerichten, was mich zunächst sehr verwunderte, denn in meinem Sprachkurs stand „uovo strapazzato“ schon in einer der ersten Lektionen auf der Tagesordnung. Aber außer Luigi, der es gelegentlich isst, wenn ich die Zwiebeln, die er nicht ausstehen kann, mikroskopisch klein hacke, konnte sich noch niemand dafür begeistern. Hinzu kommt, dass mich Maria nur zum gelegentlichen Backen widerstandslos in die Küche lässt, und eine kurze prägnante Erklärung, warum ich nicht das hervorragende Hähnchenkotelette, liebevoll gefüllte Paprikaschoten oder ein Viertel einer Fleischpastete, sondern schnöde verrührte Hühnereier essen möchte, ist mir bisher noch nicht eingefallen. Ich kann’s nicht erklären, ohne wissenschaftlich zu werden. Aber Philosophie oder Biologie übersteigen im Moment noch mein spontanes Interaktionsermögen. Es könnte Prägung sein oder unbewusstes Heimweh: Hin und wieder überkommen mich Gelüste nach Speisen wie Kartoffelbrei, Bratkartoffeln oder eben Rührei. Ich sehe das pragmatisch: Es ist wesentlich einfacher, sich in Italien ein vernünftiges Rührei zu braten oder Kartoffeln zu stampfen, als z.B. in Deutschland eine gute Mozzarella zu bekommen. Jedenfalls wäre es theoretisch wesentlich einfacher, wenn Mamma Maria nicht die unbedingte Alleinherrschaft über ihre Küche beanspruchen würde.

IMG_4240Während ich die Sicherheitstüren passiere, um anschließend in der gerammelt vollen Post vorschriftsmäßig eine Nummer beim Buchstaben „P“ für „Korrespondenzen und Päckchen“ zu ziehen, überlege ich bereits, wann eine strategisch günstige Uhrzeit für das Erstürmen der Küche sein könnte. Bis zum Herbst sind Luigis Eltern regelmäßig in ihr Sommerhäuschen gefahren und wir waren bei der Essenszubereitung für einige Tage unabhängig. Aber jetzt im Winter muss ich den Moment abpassen, in dem Maria das Studium der Tageszeitung beendet hat und ins Bad geht, bevor sie sich vor den Herd stellt, um irgendetwas zu frittieren oder zu backen.

Eine lautstarke Diskussion reißt mich aus meinen Rühreigedanken. Offensichtlich hat Nummer „E 392“ das Aufrufen seiner Nummer verpasst und „E 393“ konnte sich, dadurch das seine Nummer nur wenig später aufgerufen wurde, vordrängeln. Möglicherweise hatte „E 392“ einen der 10 Stühle ergattert und war beim Warten eingeschlafen. Vielleicht wurde er auch tatsächlich von der Menschentraube vor den Stühlen am Aufstehen gehindert. Jedenfalls empört er sich nun darüber, dass man mit dem Aufrufen der nächsten Nummer länger warten müsse, damit sich die entsprechende Person auch bis zum Schalter vorkämpfen könne. Der Mann hinter dem Schalter macht komischer Weise gar keinen genervten Eindruck sondern meint nur, er habe jetzt schon begonnen, den anderen Kunden zu bedienen, würde ihn jedoch sofort danach drannehmen. Nummer „E 392“ vergewissert sich bei einigen nickenden Umstehenden, dass sie es genauso sähen wie er und man mit dem Aufrufen der nächsten Nummer länger warten müsse. Als eine ältere Dame schließlich meint, er solle froh sein, dass er gleich rankäme, denn sie habe Nummer 416 und müsse noch Stunden hier stehen, gibt er Ruhe.

Ich habe Glück, dass die meisten Italiener die Post eher als Bank benutzen. Während ich „P 64“ bin und der im Moment zu bedienende Kunde mit dem Buchstaben „P“ die Nummer 60 hat, sind sie Vormittags um halb elf bei den Bankschaltern offensichtlich bereits bei 393. Gemessen an den vielen Wartenden dürften die ausgegeben Nummernzettelchen inzwischen bei 420 oder höher angekommen sein. Ich fühle mich ein bisschen klaustrophobisch, muss aber im Ganzen nur zehn Minuten warten, bis ich Omas Geburtstagskarte über den Thresen schieben kann. Als ich wieder an der frischen Luft stehe, atme ich erstmal erleichtert durch, bis mein Blick auf die Ecke mit dem Obst- und Gemüseauto fällt und ich sehe, dass ich nichts sehe. Der Verkäufer ist inzwischen weitergefahren.

IMG_20130109_141303Doch alles kein Problem. Auf dem Weg nach Hause habe ich mindestens drei Gelegenheiten, mir in einem Supermarkt oder einem Gemüseladen eine Zwiebel zu kaufen. Manchmal stehen auch Stühle mit Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten vor den Haustüren herum oder Männer verkaufen aus dem Kofferaum ihres Autos heraus. Es ist erst drei Wochen her, dass mir beim Anblick eines mit Weintrauben beladenen Kofferraumes das Wasser im Mund zusammenlief und ich zu einem hageren Opa sagte: „Ich hätte gern ein paar Weintrauben.“ „Wie viele?“, antwortete der und, da ich den obligatorischen Einkaufskorb-Euro in meiner Jackentasche fühlte, sagte ich ohne große Überlegung: „Für einen Euro.“ – Ich bekam anderthalb Kilo in zwei Plastebeuteln und musste drei Tage lang Weintrauben essen, damit die letzen nicht vor dem Verzehr verderben konnten. Deswegen werde ich heute tatsächlich auf Nummer sicher gehen und nur „eine Zwiebel“ kaufen.

IMG_20130109_140833Ein paar Schritte den Corso hinunter steht wie an jedem Tag ein kleiner roter LKW an einer Kreuzungsecke. Schon aus einiger Entfernung sehe ich, wie ein junger Mann der Stadtreinigung mit seinem Moped neben dem LKW zum Stehen kommt, sich eine Mandarine schnappt und, während er diese abpellt mit dem Verkäufer zu schwatzen beginnt. Als ich kurz darauf neugierig die Kisten auf dem Verdeck mustere, greift sich der Verkäufer eine Plastiktüte und wendet sich mir zu: „Mandarinen, Orangen, Rape? Alles gute Ware. Wie viel darf ich einpacken?“ „Eine Zwiebel bitte.“ antworte ich. Er lacht. „Ein Kilo?“, fragt er dann, um sich zu vergewissern. „Nein, nur eine Zwiebel und nicht zu groß bitte.“, lächle ich leicht verlegen zurück und suche in meiner Tasche nach dem Portemonnaie. Der Verkäufer kratzt sich am Kopf, wühlt anschließend in seiner Zwiebelkiste, sucht eine aus und gibt sie in die Waagschale. Dann drückt er ein bisschen mit der Hand auf der Schale herum, nimmt die Zwiebel von der Waage und hält sie überlegend in der Hand. Ich sehe ihn abwartend an und beginne zu zweifeln. Was ist denn los? Habe ich etwas falsch gemacht? „Beh,“ macht er plötzlich und drückt mir die Zwiebel in die Hand: „Prenditela è vattene via!“* Mir fällt gerade noch ein, dass ich „Danke“ und „Guten Tag“ sagen sollte. Dann trolle ich mich mit der Zwiebel in der Hand nach Hause.

„Wozu brauchst du die denn?“, fragt mich Maria, als ich angekommen bin und zeigt auf das Geschenk in meiner Hand. „Zuerst möchte ich ein Foto davon machen,“ anworte ich, „und am Abend brauche ich die Zwiebel für das Rührei.“ „Welches Rührei?“, kommt es darauf von Maria zurück. „Zum Abendbrot essen wir heute Spaghettifrittata.“

Irgendwie habe ich geahnt, dass sie so etwas in der Art sagen würde. Aber, gut, Spaghettifrittata ist auch sehr lecker. Dann gibt’s eben morgen Rührei. Oder übermorgen. Oder überübermorgen. Immerhin habe ich schon eine Zwiebel.

* „Nimm‘ sie dir und hau ab!“

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