Archiv für den Monat September 2012

Die Joghurtfrage

Seit ich am letzten Wochenende auf der Waage erschrocken festgestellt habe, dass die vergangenen Monate in Italien mir fünf Kilo mehr auf den Hüften beschert haben, greife ich nun jeden Morgen an der selbstgemachten Feigenmarmelade vorbei zu einem mageren Naturjoghurt, den ich mit frisch geschnittenen Früchten andicke und optimistisch lächelnd als Frühstück verputze, während Mama Maria mich mit einer Mischung aus Belustigung und Mitleid anblickend die Einkaufsliste für den aktuellen Tag notiert. Ich hoffe, Bäcker Vito wird sich ob meines langen Fernbleibens nicht in eine berufliche Sinnkrise stürzen, weil er glaubt, dass ich seine Milchbrötchen nicht mehr mag. Ich sollte unbedingt vorbeigehen und ihm erklären, dass mein Ausbleiben nicht an seinen Brötchen liegt, wie Maria behauptet, welche ganz allgemein jedes Brot für einen Dickmacher hält und mir trotzdem bei jeder Malzeit eine Scheibe reicht, die ich jetzt natürlich aus Protest ebenfalls ablehne. Sonst behauptet sie nach dem nächsten Wiegen immer noch, es würde am vielen Brot und keinesfalls an den nächtlichen Pastabergen liegen, dass der Zeiger sich ständig weiter nach rechts bewegt.

Doch zurück zum Joghurt. Diese weiße Plörre hat nicht nur hinsichtlich meiner Selbstkasteiung in Ernährungsfragen einen säuerlichen Beigeschmack. Nein, sie bringt mich auch im sonstigen Leben fast um den Verstand. Bis zu meinem dreizehnten Lebensjahr kannte ich Joghurt nämlich gar nicht und kam auch wunderbar ohne ihn aus. Dann schwappte plötzlich eine Joghurtbecherflutwelle über den östlichen Teil des wiedervereinten Deutschlands und schon war das Zeug in aller Munde, auch in meinem. Notgedrungen lernte ich, wie man Joghurt schreibt – nicht Jokurt oder Jogurt, sondern Jog-hurt – und über die Jahre lernte ich auch, dass man lieber Naturjoghurt essen sollte, weil die Erdbeeren im Erdbeerjoghurt nur aus Sägespänen und künstlichem Aroma bestehen.

Nun lerne ich Italienisch und wochenlang hat mich mein geliebtes Sprachenlernprogramm im Vokabellernmodus in der trügerischen Sicherheit gewiegt, dass man sich lediglich den italienischen Artikel merken und den Joghurt klein schreiben müsse, um seinen Wortschatz um das für mich inzwischen so wichtig gewordene Wort „lo joghurt“ zu vermehren.

Vor einigen Wochen fragte es mich dann in einer Grammatikübung statt in einer Vokabelübung nach ebenjenem Wort. „Ha, ha!“ entfuhr mir innerlich ein triumphierendes Lachen und meine Finger flogen nur so über die Tastatur, während sie mit guter Gewissheit „lo joghurt“ auf dem Bildschirm erscheinen ließen. Schnell noch auf „Return“ gedrückt und weiter mit der nächsten Aufgabe! Doch was war das? Plötzlich erschien ein großes „Stop“-Schild auf dem Bildschirm. „Das kann doch nicht wahr sein!“ dachte ich mir. Hatte ich einen Tippfehler gemacht und musste mit diesem leichten Wort noch einmal die gefühlten eine Million pädagogisch wertvollen Wiederholungen durchleiden, während Vokalansammlungen wie „l’aioula“ darüber lachten. Nachdem ich noch mehrmals „lo joghurt“ eingegeben und das „Stop“-Schild zu einem „Einfahrt Verboten“-Schild und danach sogar zu einem Zeichen mit arabischen Buchstaben geworden war – was jedermann nach 9/11 besonders bedrohlich finden muss – sah ich ein, dass der Fehler nur bei mir liegen konnte. Ich gab auf und ließ mir das Wort anzeigen: „lo yoghurt“.

Mein wütender Fluch lockte Luigi an. „Wie schreibst du Joghurt!?“ wollte ich von ihm wissen, als er nichtsahnend durch die Tür trat. Wahrscheinlich lag es an meinem Gesichtsausdruck, denn er vermutete sofort eine Fangfrage und meinte, er esse keinen Joghurt und müsse sich also auch keine Gedanken darüber machen, wie man das schreibe. Anschließend zog er sich mit einem Verweis auf sein Italienisch-Deutsches Wörterbuch (Edition Larus) aus der Schreibaffäre. Unter den dort verzeichneten genau sechs italienischen Wörtern mit „j“, fanden wir auch „lo joghurt“. Sofort war mein triumphierendes Gefühl wieder hergestellt, ja, sogar mehr als wiederhergestellt, hatte doch die Schülerin ihren Lehrer gerade bei einem Fehler ertappt. Ich warf „lo yoghurt“ aus der Abfrage und war beruhigt, bis . . .

. . . ich heute meine italienische Grammatik auf der Suche nach einer Übersicht über die vermaledeiten Objektpronomen wälzen wollte, denn ich kam nicht weit. Schon auf einer der ersten Seiten blieben meine überraschten Augen an einem Absatz hängen. In ihm wurde die Aussprache des Buchstabens „Y“ erklärt – und zwar wie folgt: „Man spricht y wie den italienischen Vokal i und findet ihn in Worten, die im Original fremdsprachig sind wie“ – Und jetzt kommt’s! – „yogurt“. Mit y und ohne h! Unglaublich! Ich stürmte in die Küche, schob Maria zur Seite, öffnete den Kühlschrank und zog den Joghurtbecher heraus: „Yogurt magro“. Und DAS war mir bisher nicht aufgefallen!

Maria sah mich fragend an. „Wollte nachsehen, wie man Joghurt schreibt.“, versuchte ich es mit einer Erklärung. Maria war vor ihrer Pensionierung Lehrerin gewesen. Sie wundert sich nie über meine Fragen und hat meistens schon eine Antwort parat, noch bevor ich die Frage überhaupt zusammengestottert habe. So kam es dann auch ungefragt zurück: „Carissima, statt dieser ’schiefezze‘ (heißt so viel wie „Ekligkeiten“) nimm dir Kekse zum Frühstück!“ Ich hielt sie davon ab, den Vorrat aus mindestens drei verschiedenen Sorten Frühstückskeksen vor mir auszubreiten und beschloss, nun das zu tun, was der postmoderne Mensch immer macht, wenn er keine Antworten hat: Ich rief Wikipedia auf. Hier würde ich ganz eindeutig die richtige Schreibweise finden. Und da war sie auch schon: „Lo yogurt oder iogurt (aus dem Türkischen yoğurt).“

Alles klar. Ich mach’s jetzt wie Luigi und esse auch keinen mehr.

Das erste Bewerbungsgespräch

Meine Eltern sind längst wieder zu Hause. Unsere Tage im Sommerhäuschen sind auch vorbei. Ich habe den Basissprachkurs beendet und den Aufbaukurs angefangen. Die alte Routine aus Lernen und Jobbörsen surfen stellt sich wieder ein. Mal sehen, was es so für Stellenangebote gibt: Ich filtere nach Tourismus, Empfang und Sprachen und finde fünfmal die gleiche Anzeige für eine Sekretärin „mit gutem Aussehen“ und Englischkenntnissen. Nun fragt sich, was der Arbeitgeber unter „gutem Aussehen“ versteht. Typisches süditalienisches Aussehen – dunkelhäutig, braunäugig und schwarzhaarig etwa? Da fiele ich von vorn herein durch das Raster. Ist egal, denke ich mir. Die nehmen mich sowieso nicht. Ich signalisiere mein Interesse und wundere mich nicht, dass ich nie etwas von ihnen höre. Bin ja auch in Wahrheit keine Sekretärin.

Luigis Vater betreut mit seinem Lohnbüro ein Hotel. Leider haben sie aktuell keine freien Stellen zu besetzen und noch dazu schütteln Familienstreitigkeiten das Geschäft gerade gewaltig durch. Aber Pasquales Geschäftspartner hat mein Profil im Juli in eine Datenbank für die Suche speziell nach Arbeitskräften im Hotelgewerbe eingetragen. Vielleicht ergibt sich daraus etwas. Ich stelle fest, dass es hier genauso läuft wie in Deutschland: man muss jemanden kennen, der jemanden kennt. So wie den Lebensabschnittsgefährten der Frau, mit denen sich Pasquale ein Büro teilt, der wiederum jemanden kennt, der in einer Sprachschule arbeitet und meine Bewerbung mitnimmt. Anfang September werde ich angerufen und zu einem Gespräch eingeladen.

Mir ist ganz schlecht vor Aufregung, aber mein Interviewpartner dutzt mich ganz selbstverständlich und hat einen strengen amerikanischen Akzent. Das beruhigt mich. Ich bin also nicht der einzige Ausländer in der Gegend. Wenig später bin über mich selbst erstaunt, wie flüssig ich erzählen kann, was mich nach Bari verschlagen hat, warum ich in der Sprachschule arbeiten möchte und, dass ich bereits in St. Petersburg Deutsch unterrichtet habe und in Italien auch privat Deutschunterricht gebe. Möglich oder vielleicht sogar wahrscheinlich, dass ich dabei Endungen verwechsele und gelegentlich auch nach Worten suchen muss. Der Sprachlehrer scheint jedoch überzeugt und erklärt mir, wie der Hase läuft: Wenn Lernwillige einen Kurs machen möchten (vorzugsweise abends), werden die Lehrer angerufen und gefragt, ob sie Zeit zum unterrichten haben. Die magere Bezahlung ist also, selbst wenn es gut läuft, relativ unberechenbar. Als Nebenjob super geeignet, aber davon leben kann man nicht – das sagt natürlich nicht mein Gegenüber, sondern ich denke es mir stillschweigend. Sollten sie mich brauchen, dann komme ich, versichere ich ihm. „Wir rufen dich dann an.“, sagt mein Interviewpartner und stellt mir anschließend noch die Kurskoordinatorin vor. Wenn ich mich im Oktober erkundigen werde, wann es mit dem Unterrichten losgehen soll, werde ich lächelnd damit vertröstet werden, dass im Moment kein Deutschkurs zustande gekommen sei. Na, ja, das werde ich dann auch glauben, denn das ist besser für’s Ego.

Das erste Bewerbungsgespräch lief jedenfalls viel besser, als ich es erwartet hatte. Daher schwebe ich danach wie auf Wolken durch die Via Sperano und, weil mir nicht mehr schlecht ist, kaufe ich mir bei Gasperini sofort ein Belohnungseis.