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Was vom Markte übrig bleibt

Obststand im Herbst

Vorsicht spitz!

Märkte sind aus den Stadtbildern hier in Süditalien nicht wegzudenken. Jeder kleinere Ort erlaubt sich wenigstens einmal in der Woche einen Wochenmarkt, auf dem man dann von Obst und Gemüse über Fisch, Fleisch und Käse bis hin zu Bekleidung und Möbeln fast alles finden kann, was das Käuferherz begehrt. Lebensmittel sind frisch und in der Regel von lokalen Erzeugern, die Mode ist aktuell und die Preise liegen oft weit unter denen in Ladenlokalen.

Auch Käse gibt es direkt auf der Straße.

Schmuck in rauen Mengen.

Die Italiener lieben ihre Märkte und wer einen in der Nähe hat, geht auch täglich hin, um stets frische Lebensmittel zu genießen. Allerdings verabschieden sich die Städte immer häufiger von der Outdoorromantik mit bunten Stoffdächern über mobilen, oftmals improvisierten Holztischen. Was die Marktgänger nämlich meistens nicht sehen, ist der Zustand der Straßen , nachdem die Verkäufer ihre Stände wieder weggeräumt haben.

Bunte Bonbons …

 

… bunte Blumen (eine Frühlingsahnung) …

… buntes Schuhwerk… alles da.

Nicht nur die Franzosen essen Schnecken.

Hülsenfrüchte gibt’s direkt aus dem Sack.

Hier auf unserem bevorzugten, täglichen Markt in der Via Pitagora in Bari fallen ab halb eins die Möven ein, um Fisch- oder andere Reste zu ergattern. Wenigstens fliegen sie wieder zurück zum Meer, sobald die Müllabfuhr damit beginnt, alles aufzufegen und die Straße mit Wasser sauber zu spritzen. Andere Nutznießer verkriechen sich nur in Keller und Gassen, weshalb die Anwohner von Märkten generell nicht böse darüber sind, wenn hygienischere Ausweichmöglichkeiten für Straßenmärkte entstehen.

Die Marktmöven kontrollieren ab halb zwei/ zwei, ob noch etwas Essbares zurückgeblieben ist.

So wird in der Nähe vom Hauptbahnhof das Erdgeschoss eines Parkhauses als Markt genutzt. Hier haben die Händler einen kleinen Raum mit Metallrolläden für sich. Am Ende der Via Pitagora wird hingegen aktuell eine Baugrube für eine Markthalle ausgehoben, in welche der Straßenmarkt voraussichtlich im nächsten Jahr umziehen soll.

Wer also noch traditionelles Marktflair unter freiem Himmel genießen will und besagte Orte rechtzeitig wieder verlässt, um nicht sehen zu müssen, was nach einem Markttag so übrig bleibt, der sollte sich beeilen.

Buon giorno aus dem Kellerloch

Ich bin ein gefundenes Opfer für geschäftstüchtige Verkäufer, denn ich kann schlecht „nein“ sagen. So kam ich z.B. vom Markt immer mit mehr Obst zurück, als ich kaufen wollte, bis Pasquale mir geraten hat, den Preis anzusagen. Also kaufte ich fortan nicht mehr ein Kilo Obst, aus dem ganz leicht zwei wurden, sondern Obst für einen Euro.

Dann fand ich einen Obst- und Gemüsehändler meines Vertrauens, der seine Waren täglich an einer Hauptstraßenecke in Triggiano von einem roten LKW hinunter verkauft. Er hatte sich bei mir beliebt gemacht, als er mir eine Zwiebel schenkte, als ich dringend Rührei essen und kein ganzes Kilo Zwiebeln kaufen wollte.

Doch seit einem Vierteljahr bin ich ihm untreu geworden, denn da kam Pino. Pino zählt zur Gattung der italienischen Verkaufsfüchse. Sein kleiner Handel mit Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten befindet sich in der Tür eines Kellerabstiegs, sodass nur sein Oberkörper auf die Straße hinauslugt. Über all die Kisten, die er vor und neben sich aufstapelt, schaut manchmal sogar nur sein Kopf hinweg. Aus seinen kleinen Augen blitzt unter einer grauen Schirmmütze Bauernschläue hervor. Unser ganzer Palazzo kauft bei ihm und natürlich läuft sein Geschäft so privat, dass die Steuer nichts davon erfährt.

Wein detail

In Pinos Garten wächst mehr roter als gelber Wein

Pino sorgt nun schon seit Monaten dafür, dass ich immer gut mit Obst der Saison versorgt bin. Sein Kellerloch liegt an der Straße, die wir nehmen, wenn wir zum Bahnhof oder zu Maria gehen. Ich muss also fast jeden Tag an ihm vorbei, was nie ohne ein kleines Schwätzchen abgeht, da er schon von weitem „Buon giorno, Seniora!“ ruft und sein Glanzstück des Tages anzupreisen beginnt. Das Ganze endet immer damit, dass er es als „buonissimo“ (hervorragend) und „senza veleni“ (ohne Gift) beschreibt, während er ungefragt schon eine Plastiktüte mit Weintrauben, Pfirsichen, Granatäpfeln oder anderem Obst vollstopft. Pino ist auch der einzige Mensch im Großraum Bari, der mich siezt, und, dass er mich nicht vergiften will, rechne ich ihm hoch an.

TraubentellerAls ich an einem Tag meinte, ich würde auf dem Rückweg ein paar Weintrauben mitnehmen, diese jedoch bei meiner Rückkehr bereits ausverkauft waren, klingelte er am gleichen Abend bei uns an der Haustür und brachte mir die Kleinigkeit von drei Kilo Trauben angeschleppt. Seit dem denkt er wohl, drei Kilo seien die optimale Menge an Obst für mich. Zum Glück haben wir ein großes Obst- und Gemüsefach in unserem Kühlschrank, das Pinos Mengen aufnehmen kann.

Wintermispeln auf dem Küchentisch

Pinos Wintermispeln, wie sie auf unserem Küchentisch vor sich hinreifen (oder auch nicht)

In der letzten Woche passierte ich seinen Straßenverkauf und wie üblich hörte ich schon aus einiger Entfernung sein „Buon giorno, Seniora!“ Dann setzte er hinzu: „Heute habe ich etwas ganz Besonderes für Sie! Venga! Venga!“ Ein anderer Mitmensch in fortgeschrittenem Alter, der sich häufig zu einem Schwatz mit ihm am Kellerloch einfand, nickte wie wild mit dem Kopf. Also lugte ich interessiert in die Kiste, die der findige Verkäufer unter seinen Pfirsichen hervorzog. Was ich sah, war auf den ersten Blick nicht so berauschend: kleine bräunliche Kugeln und lauter welke Blätter. Doch Pino meinte stolz: „Das sind nespole invernali (Wintermispeln)! Die gibt es heute kaum noch. Aber schon unsere Vorfahren und sogar die Römer hatten Mispelbäume. Die wussten noch, wie man sich im Winter mit Obst und Vitaminen versorgt.“ Sein Kompagnon nickte wieder eifrig mit dem Kopf. „Die müssen Sie aber noch eine Weile liegen lassen und täglich kontrollieren. Sobald sie weich werden, können Sie sie essen.“ Dieses Mal packte er mir nur ein Kilo ein.

Mispeln kannte ich bisher nur aus dem späten Frühjahr. Tatsächlich sehen diese von der Form her so ähnlich aus wie Pinos Wintermispeln; also wie das, was von Rosenblüten übrig bleibt, wenn alle Blütenblätter abgefallen sind. Allerdings sind die Frühlingsmispeln größer und sehr viel gelber. Selbst Pasquale, dem ich Pinos Besonderheit am nächsten Tag zeigte, hatte noch nie von Wintermispeln gehört. Doch seit Wikipedia gibt es keine Entschuldigung mehr dafür, etwas nicht zu wissen. Also schnell im Onlinelexikon überprüft, ob es überhaupt Wintermispeln gibt, und tatsächlich scheint es sich bei den Früchten auf meinem Küchentisch um die „Echte Mispel“ zu handeln.

Bisher lag Pinos geheimnisvolle Spezialität mehr oder weniger dekorativ auf einem Teller und ich wartete gespannt darauf, dass sie weich werden, um eine kosten zu können. Die zeitige „Nespole“-Variante, laut Wikipedia auch Japanische Wollmispel genannt, schmeckt mir nämlich sehr gut: fruchtig, aber gleichzeitig auch angenehm säuerlich.

Bei der heutigen Kontrolle fand ich nun eine Frucht, die mir weich genug erschien, um reif zu sein. Die zeitige Mispel isst man ganz einfach, indem man ihr die Haut abzieht, dann die großen Kerne entfernt und anschließend das saftige Fruchtfleisch genießt. Von Pinos Wintermispeln lässt sich die Haut jedoch nicht abziehen. Also schälte ich sie mit einem kleinen Messer ab. Das Fruchtfleisch darunter war hellgrün und sah wenig appetitlich aus. Tatsächlich hatte es auch keinen Geschmack und hinterließ nur ein pelziges Gefühl auf der Zunge. Das Ding wanderte in den Biomüll.

Vielleicht war die Frucht noch nicht reif genug. Ich werde es später noch einmal mit einer anderen probieren. Doch irgendwie habe ich im Gefühl, dass es einen guten Grund für Pinos Vorfahren gegeben haben muss, auf dem apulischen Boden mehr Wein und Zitrusfrüchte als Wintermispeln anzubauen.