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Monte Sannace – Mehr als nur ein Hügel

monte sannace

Blick über die untere Stadt

Bei unserem Besuch des Kastells von Gioia del Colle hatten wir uns fest vorgenommen, uns bald das zum Museum gehörige Ausgrabungsgebiet anzusehen, von dem die meisten Fundstücke in der ständigen Ausstellung im Schloss stammen. Der „Archäologische Park Monte Sannace“ liegt nämlich nur 5 Kilometer vor den Toren Gioias und damit auch nur ca. 20 Autominuten von Bari entfernt an der Schnellstraße in Richtung Taranto. Merkwürdigerweise mussten drei Jahre vergehen, bis wir uns am letzten Montag tatsächlich aufmachten, um mal wieder in Apuliens Historie einzutauchen.

Tief einzutauchen, wie die Funde aus dem Park uns bereits im Kastell gezeigt hatten, bis ins 10. Jahrhundert vor Christus nämlich. Der Großraum Bari war damals von den Peuketiern besiedelt, die fürderhin maßgeblich von den Griechen beeinflusst wurden, welche über ihren Anlaufpunkt Taranto wichtige Handelsbeziehungen nach Peuketien unterhielten. Neben dem heutigen Ruvo war Sannace Zentrum dieser Kultur.

Die Ausgrabungsstätte musste auch für technisches Gerät zugänglich gemacht werden. Steine für Mauern und Wege gab es genug.

Monte Sannace Überblick

Im Park vermitteln Infotafeln Wissenswertes zur Örtlichkeit und den Ausgrabungen

Die Peuketier hatten den Ort ihrer Siedlung strategisch klug gewählt: Vom fast 400 m über dem Meeresspiegel liegenden Gipfel des Hügels aus hat man eine kilometerweite Sicht ins Umland. Eine hochgelegene Ebene umgeben von schroffen, steilen Hängen bot gleichzeitig die Möglichkeit zur landwirtschaftlichen Versorgung und leichten Verteidigung. Ein Karsttal weist darauf hin, dass es dereinst auch einen kleinen Fluss gegeben haben muss, der wahrscheinlich sogar schiffbar war. Die Vegetation zeigt noch heute eine gesunde Vielfalt von Bäumen wie Eichen und Steineichen mit dichtem Unterwuchs, wo man gerade nicht gräbt und wachsen lässt. Bildtafeln machen an dieser Stelle die botanisch weniger bewanderten Besucher wie uns auf besondere Pflanzen und Bäume aufmerksam.

 

Dass es auf dem Monte Sannace schon einmal sehr lebendig zuging, wussten die apulischen Bauern, welche die verschüttete Siedlung als Ackerland nutzten, schon seit dem 17. Jahrhundert, weil sie beim Beackern des Bodens immer wieder zufällig über historische Funde stolperten. Erst 1929 begannen ernsthafte Grabungen, die schnell einige Gräber und Teile der Mauer um die untere Stadt zum Vorschein brachten.

Infotafel zur Neuorganisation der Straßen in der hellenistischen Zeit

In mehreren Wellen erfolgten daraufhin Grabungen. 1977 machte man das Gebiet den Besuchern zugänglich und ab den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts erfolgten Rekonstruktionsarbeiten, so dass man sich sowohl die untere als auch die obere Stadt wieder relativ gut vorstellen kann. Inzwischen weiß man, dass auf dem Monte Sannace schon seit dem Neolitikum gesiedelt wurde, die Blütezeit vermutlich von der Mitte des 3. bis zur 4. Jahrhundert vor Christus lag und sich die Städte bis in die hellenistischen Zeit im ersten Jahrhundert nach Christus hinein halten konnten. Unter den Römern verlor das Gebiet an Bedeutung, da es von deren südlichen Handelsruten der Via Appia und der Via Traiana abgeschnitten war. Eine kleine Kirche aus dem Mittelalter im Gebiet der oberen Stadt wurde schnell wieder aufgegeben, sodass der Ort der Bedeutungslosigkeit anheimfiel, welche in weiten Teilen des italienischen Südens bis ins 20. Jahrhundert andauerte.

Hier wurde gerade ein weiteres Grab außerhalb der Stadtmauern entdeckt

Gegen diese Bedeutungslosigkeit arbeiten die Archäologen heute wieder. Im Moment leider nur die Praktikanten der Uni von Bari, die gelegentlich in der oberen Stadt (Akropolis) graben. Am kleinen Parkplatz befindet sich ein Besucherzentrum, welches seine Bezeichnung nur deshalb verdient, weil ein netter Kustode einem das Tor öffnet, wenn man klingelt. Bei unserem Besuch am Sonntag zeigte dieser sich leicht zerknirscht und entschuldigte sich dafür, dass man die Eintrittskarte im Kastell von Gioia kaufen müsse, welches aber an diesem Tag zufällig geschlossen habe. Mal davon abgesehen, dass eine 5 km weit entfernter Ticketschalter bei zeitgleicher Anwesenheit eines Geländeaufsehers etwas eigenwillig erscheint, hatten wir Glück: Der freundliche Herr ließ uns für lau hinein, gab uns einen Lageplan und ein Basecap für Davide und wies uns grob die Richtung.

So stiefelten wir also über sonnenverbranntes Gras durch Jahrtausende alte Grundmauernreste, setzten uns zur Probe in steinerne Sarkophage, beobachteten Davide dabei, wie er euphorisch jede zweite Ameise begrüßte, die uns buchstäblich über den Weg rannte, und stellten wieder einmal fest, dass der Besuch einer solchen Stätte eigentlich die Anwesenheit eines kundigen Führers verlangte, der es schaffte, diesen Ort vor dem geistigen Auge lebendig werden zu lassen. Die zugegeben recht zahlreichen Schau- und Informationstafeln gaben immerhin eine Idee vom großen Ganzen.

Gräber am Rande der oberen Stadt

Natürlich könnte man auch sagen, alte Mauern habe man schon besser in Pompeji gesehen. Doch leider hatten nicht alle antiken Stätten das zweifelhafte Glück in einer Katastrophe für die Nachwelt konserviert zu werden. Die apulischen Grabungsgebiete, zu denen auch Egnazia bei Fasano gehört, erfordern mehr Fantasie und vielleicht auch ungleich mehr Wissen um ihre Bedeutung. Trotzdem sind sie es Wert, gesehen zu werden. Wenn man ab und zu sieht, wie klein der Mensch im wahrsten Sinne des Wortes angefangen hat und sich dann in seiner vergleichsweise riesigen Heimatstadt umsieht, dann muss man sich eingestehen, dass wir es wenigstens in Körpergröße und als Bauherren doch weit gebracht haben. Der Rest… naja…

Hinfahren! Ansehen!

Stadtmauer der unteren Stadt mit Treppe

Parco Archeologico di Monte Sannace, Strada Provinciale 61, Gioia del Colle – Turi km 4,5
geöffnet von Mittwoch bis Sonntag von 8:30 – 15 Uhr
Eintritt 2,50 Euro zu zahlen an der Kasse des Kastells von Gioia (Kastell + Park 4 Euro)
Info-Telefon: 080 348 3052 und 080 349 1780

Zeitreise ins Mittelalter

vollMenschen über Menschen; und wir mittendrin – So könnte man das Federicus-Fest kurz und knapp zusammenfassen, das in Altamura, etwa eine Autostunde von Bari entfernt, in diesem Mai zum vierten Mal veranstaltet wurde. Als wir nach unserem Abstecher zum Pulo und zum Mann von Altamura endlich in der Stadt ankamen, war es Mittag geworden. Auch die restlichen Bewohner der näheren Umgebung hatten sich bis dahin entschlossen, den ersten Mai nicht nur zum Ausschlafen, sondern auch für einen Ausflug zum Mittelalterfest zu nutzen. Auf dem nebenstehenden Foto sollte man in etwa erkennen können, dass es sehr voll war.

Sarazenencamp am DomAls der Stauferkaiser Friedrich II. beschlossen hatte, der aussterbenden Stadt im 12. Jahrhundert wieder Bedeutung zu verleihen, hatte er nicht nur den Bau des Domes im Stadtzentrum angeordnet, sondern Griechen, Sarazenen, Juden und Römer eingeladen, sich in Altamura niederzulassen, um die Gegend mit ihrem Können und ihrer Kultur zu bereichern. Das Mittelalterfest spielte sich in allen vier Stadtvierteln ab. Doch hätte es nicht angeschrieben gestanden, hätte man nicht bemerkt, dass man sich von einem Viertel ins nächste begibt. Die Altstadt von Altamura wirkt keinesfalls geteilt, sondern als harmonisches Ganzes, das wir unbedingt noch einmal an einem ruhigeren Tag besuchen müssen.

Bogenschütze

Bogenschütze auf dem „Federicus“-Fest

Wie gut, dass man überall Stadtpläne erhalten konnte, auf denen die Plätze von Aufführungen, Spielen, Ausstellungen und wichtige Punkte wie Ambulanz oder WCs eingezeichnet waren! So fanden wir nicht nur leicht Erleichterung, sondern auch die Bogenschützen und Raubvögel sowie manch lustiges, mittelalterliche Spiel zum Mitmachen.

Töpferkurs

Keramikwerkstatt

Trotzdem ließen wir uns überwiegend treiben, bewunderten die Stände, an denen Handwerkskunst verkauft wurde, aßen Salsiccia (grobe Würstchen) vom Grill, Pettole frisch aus der Frittierpfanne und leckeres Eis sowieso. Dabei bestaunten wir immer wieder, die durchweg verkleideten Händler und Darsteller. Vielleicht hatte man sogar ganz Altamura an diesem Tag in mittelalterlich anmutende Kostüme gesteckt, denn alle modern gekleideten Personen schienen Touristen zu sein. Gegen zwei waren die Nichtkostümierten dann deutlich in der Unterzahl, denn die meisten Gäste der Stadt müssen sich wohl zum Mittagessen zurückgezogen haben.

bunter Innenhof

Singend in einem Innenhof

Schwertkampfvorführung

Schwertkampfvorführung

Daher ergab sich für uns die Chance, noch ein paar Fotos zu schießen, auf denen nicht nur dicht gedrängte Menschenmassen zu sehen sind. So ein riesiges Mittelalterfest-Areal hatte ich bis zu diesem Tag nicht erlebt und war schon allein deshalb total begeistert. Im nächsten Jahr sind wir bestimmt wieder dabei.

Wurfspiel

Mittelalterliches Wurfspiel mit Bällen und einer Drehscheibe

Mittagsschläfchen

Mittagsschläfchen

Protagonisten der Raubvogelvorführung

Wer guckt hier wen an?

der ausballancierte Ball

Der Ball musste mit Hilfe der Stange und zweier Seile bis zu den oberen, grün umrandeten Löchern balanciert werden.

Für Leib und Magen

Für Suppenfans

Schule der Medizin

Schule der Kräutermedizin

Spaßmacher

Spaßmacher

Bari im Mai – Wer ist dabei?

Wer die Chance hat, noch kurzfristig Urlaub und einen günstigen Flug nach Bari zu bekommen, der sollte das jetzt Anfang Mai nutzen, denn bedeutsame Events stehen ins Haus.

Alte Kisten und dröhnende Motoren

Gran Premio di Bari, 2013

Revocazione del Gran Premio di Bari, 2013

Vom 1. bis 3. Mai organisiert der „Old Cars Club“ zum vierten Mal eine Erinnerungsveranstaltung an die gute, alte Zeit, als auf der Seepromenade, dem Lungomare, von Bari noch Rennwagen um die Wette brausten und Renngeschichte geschrieben wurde. Das letzte Mal hat diese Erinnerungsveranstaltung vor zwei Jahren stattgefunden und ich war total begeistert von den charismatischen Wagen und der von Benzin geschwängerten Atmosphäre in der Stadt.

Mit verschiedenen Ausstellungen („Kunst und Motoren“, Galleria Forma, Via Argiro 73, u.a.) kann man sich jetzt schon auf das Event einstellen. Am 26. April wird es im Saal Murat auf der Piazza Ferrarese sogar ein Fotoshooting und eine Modenschau unter dem Titel „L’auto è di moda” geben. Und auf der Piazza Prefettura wird wie bei der letzten „Revocazione del Gran Premio di Bari“ eine Fotoausstellung in einem historischen Eisenbahnwagon gezeigt. Richtig los geht’s jedoch am 2. Mai um 19 Uhr auf der Piazza Mercantile mit einer nächtlichen Präsentation der Oldtimer-Rennwagen aus den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, nach welcher bei Musik noch die halbe Nacht gefeiert werden kann. Am Sonntag, dem 3. Mai, werden die Rennwagen schließlich wieder ihre Kreise um die Altstadt ziehen und jeder Pilot versuchen, das Möglichste an Zeit herauszufahren.

Festa di San Nicola – Bari im jährlichen Ausnahmezustand

Lichterschmuck, Festa di San Nicola 2013

Lichterschmuck, Festa di San Nicola 2013

Nur eine Woche später, vom 7. bis 9. Mai, feiert Bari dann wie in jedem Jahr seinen Stadtheiligen San Nicola und dessen „Heimführung“ aus der Türkei, die sich 2015 zum 920. Mal jährt. Daher gibt es am Abend des 7. Mais einen großen historischen Umzug in der Altstadt, der an die Überbringung der Knochen des Heiligen Nikolaus von Myra erinnert. Am 8. Mai wird die Statue des Heiligen aufs Meer hinausgefahren und am 9. wieder an Land, sowie auf ihren Ehrenplatz auf der gewöhnlich mit einer imposanten Lichtinstallation geschmückten Piazza Ferrarese zurückgebracht. Am 9. Mai sind die kirchlichen Riten weitestgehend beendet. Es schließt sich das sogenannte „Fest der Baresen“ an. Nun wird die Seepromenade in eine rummelartige Flaniermeile verwandelt und am Abend gibt es ein großes Feuerwerk über dem Hafen zu bestaunen.

Wiederauferstehung des Mittelalters in Altamura

FedericusDoch nicht nur Bari trumpft in den nächsten Wochen mit anziehenden Veranstaltungen auf. Die sich ganz in der Nähe befindende Stadt Altamura, die sonst hauptsächlich für ihr haltbares und schmackhaftes Brot bekannt ist, feiert vom 1. bis 3. Mai ihr Mittelalterfest Federicus. Dreimal dürft ihr raten, wem dieses Fest gewidmet ist, oder lest einfach den Beitrag von Britta noch einmal. Mit historischen Umzügen, Straßenkünstlern, Märkten, Raubvogelvorführungen und Bogenschießen feiert Altamura an diesen Tagen ihren in Apulien wohlbekannten Neugründer Friedrich II., welcher dazumal der ersterbenden Stadt zu neuem Ansehen verholfen hat.

Die Auswahl fällt im Moment also direkt schwer, wenn man nicht gerade Tourist ist und entsprechend Zeit mitbringen kann. Solltet ihr daher kurzfristig noch Urlaub bekommen: Bari und Umgebung lohnen sich aktuell nicht nur wegen des schönen Frühlingswetters.

Gastbeitrag: Friedrich II. – Das Staunen der Welt

Ich freue mich sehr darüber, dass mir Britta von Rome and Home als promovierte Historikerin heute dabei unter die Arme greift, euch einen wichtigen oder vielleicht sogar DEN wichtigsten Menschen der apulischen Geschichte näher zu bringen. Als Besucher meiner Wahlheimat stolpert man nämlich immer wieder über seinen Namen und kommt natürlich auch nicht umhin, mindestens eines seiner Kastelle zu bewundern. Die Rede ist von Friedrich 2., dem Stauferkaiser.

Doch, wenn man beginnt, sich näher mit ihm zu beschäftigen, wird man von der Fülle des Materials und der Informationen förmlich erschlagen. Von daher bin ich sehr froh, dass Britta diesen Beitrag übernommen und einen kurzweiligen, informativen Einstieg in das Leben dieses interessanten Menschen geschrieben und illustriert hat.

Und mit dieser Vorrede sowie einem herzlichen Dankeschön übergebe ich das Wort an meine Gastautorin Dr. Britta Kägler. Viel Spaß beim Lesen!

Ein Staufer in Apulien? – Friedrich II. oder: das Chint von Pülle!

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Rückseite der 1 Cent-Münze

Haben Sie die italienische 1 Cent-Münze schon einmal in der Hand gehabt? Bestimmt! Zu sehen ist eines der faszinierendsten Bauwerke des Mittelalters: das Castel del Monte. Der Grundriss dieser wehrhaften Burg zeigt ein ideales Achteck. An den Ecken des Oktogons ragen jeweils achteckige Türme in den Himmel. Zwei Seiten eines solchen Turms fallen mit den Seiten des großen Achtecks zusammen. Ich bin mir sicher, dass jedes italienische Kind in Puglia im Mathe-Unterricht schon mal die Fläche von Castel del Monte berechnen musste. Aber auch in Geschichte bietet der rätselhafte Bau jede Menge spannende Fragen und nicht unbedingt auf jede Frage eine Antwort… Die perfekte Vorbereitung für einen Ausflug zum Castel del Monte hat Corinna ja schon gegeben.

Für mich war Castel del Monte der erste Kontakt mit Kaiser Friedrich II. in Italien.

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Imposante Erscheinung – Castel del Monte

Klar, ich habe Geschichte studiert und ich beschäftige mich viel mit dem Mittelalter und mit (Süd)Italien sowieso. Aber trotzdem war mir Friedrich II. vorher nicht wirklich begegnet… Erst eine Reise nach Apulien zeigte mir wie präsent Friedrich II. gerade dort immer noch ist.

Wer war dieser Friedrich, der in Italien bekannter zu sein scheint als in Deutschland?

Er gehörte zur Dynastie der Staufer, deren Stammburg – die Burg Hohenstaufen – in der Schwäbischen Alb bei Göppingen lag. Das schwäbische Adelsgeschlecht hat so berühmte römisch-deutsche Könige und Kaiser wie Barbarossa (Friedrichs Opa), Heinrich VI. (Friedrichs Vater) und eben Friedrich II. hervorgebracht, den „stupor mundi“! – Der was? Der Reihe nach: Weshalb schlägt man so viele Bücher über Friedrich auf und liest, er sei das „chint aus pülle“ gewesen? Chint = Kind und Pülle = Apulien! Friedrich aus Apulien? Ja, genau! Denn Friedrich wurde im Dezember 1194 in Jesi geboren, das damals zum Königreich Sizilien gehörte. Die Umstände kann man sich filmreifer kaum vorstellen: Sein Vater hatte 1194 ein nicht unbeträchtliches Lösegeld für Richard Löwenherz herausgeschlagen (das ist eine andere Geschichte!). Mit diesem Geld ließ sich ein Feldzug gegen Sizilien eröffnen und tatsächlich zog Heinrich VI. am 20. November siegreich in Palermo ein. Am ersten Weihnachtstag wurde er dann im Dom zum König von Sizilien gekrönt. Und nur einen Tag später brachte Heinrichs Frau seinen einzigen Sohn zur Welt: Friedrich! Dass der Kleine öffentlich in einem Zelt vor der Kirche geboren wurde, ist übrigens eher eine Legende aus späterer Zeit…

Sizilien war in der damaligen Zeit ein Zentrum von Wissenschaft und Kultur! Ein bekannter Kulturhistoriker – Jakob Burckhardt – bezeichnete Friedrich II. einmal als den ersten modernen Menschen auf dem Kaiserthron. Das mag daran liegen, dass Friedrich in einer höfischen Gesellschaft aufwachsen konnte, die zukunftsweisenden Ideen offen gegenüberstand. Er lernte mehrere Sprachen, förderte später Wissenschaftler und zeigte z.B. sein Leben lang Interesse am Islam; was ihn für die heutige Geschichtsforschung ziemlich interessant macht. Einflüsse, Bauten und Ideen von Arabern, Normannen und Staufern mischten sich im Königreich Sizilien wie vielleicht nirgendwo sonst in dieser Dichte.

Als 17jähriger wurde Friedrich zum deutschen König gewählt. Ungefähr acht Jahre hielt sich der apulische junge Mann im Deutschen Reich auf. Damals zog der Kaiser mit seinem Hofstaat von Pfalz zu Pfalz, von Burg zu Burg, um mit dieser „Reiseherrschaft“ möglichst in seinem ganzen Territorium präsent zu sein. Aber von 39 Regierungsjahren war Friedrich 28 in Italien. Dort lag – für ihn – der Kern seines Reichs. Er schuf eine funktionierende Verwaltung, förderte den Handel zwischen dem christlich-abendländischen und dem arabischen Kulturkreis, er holte Wissenschaftler und Künstler an seinen Hof. Burgen, Paläste und Kirchen entstanden in Altamura, Brindisi, Catania, Gioa del Colle, Lucera, Maniace, Milazzo, Oria und nicht zuletzt eben das bereits erwähnte Castel del Monte. Vielleicht haben auch diese beeindruckenden Bauten zu seinem Beinamen „stupor mundi“ geführt: Friedrich wurde von Zeitgenossen als das Staunen der Welt bezeichnet.

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Castel del Monte – Innenhof

Wer Lust bekommen hat, sich ein bisschen intensiver mit Friedrich II. zu beschäftigen, dem möchte ich gern ein paar Bücher empfehlen:

weiterführende Literatur:

Horst Stern: Mann aus Apulien: Die privaten Papiere des italienischen Staufers Friedrich II., römisch-deutscher Kaiser, König von Sizilien und Jerusalem, Erster nach Gott, über die wahre Natur der Menschen und der Tiere, geschrieben 1245-1250, München 1986.

Ernst Kantorowicz: Kaiser Friedrich der Zweite. [Erstausgabe 1927] – Das Buch ist wissenschaftlich nicht mehr auf dem aktuellen Stand, aber es gilt als Meilenstein der Friedrich-Publikationen und Bestseller. Immer noch lesenswert!

Hubert Houben: Kaiser Friedrich II. (1194–1250). Herrscher, Mensch, Mythos. Stuttgart 2008.

Olaf B. Rader: Friedrich der Zweite. Der Sizilianer auf dem Kaiserthron. München 2010.

Knut Görich: Die Staufer. Herrscher und Reich. München 2006.

Oder einfach ‚mal ein Blick ins Detail:

Martina Giese: Die Tierhaltung am Hof Friedrichs II. Zwischen Tradition und Innovation, in: Knut Görich u.a. (Hg.): Herrschaftsräume, Herrschaftspraxis und Kommunikation zur Zeit Kaiser Friedrichs II. München 2008, S. 121–171.

Sindy Schmiegel: Gerechtigkeitspflege und herrscherliche Sakralität unter Friedrich II. und Ludwig IX. Herrschaftsauffassungen des 13. Jahrhunderts im Vergleich 

Gastbeitrag geschrieben und illustriert von Dr. Britta Kägler: Rome and Home

Die schönsten Orte Italiens – Cisternino

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Begrünte Gassen

ALIM0222Von Bari aus der Staatsstraße Nr. 16 in Richtung Ostuni folgend erreicht man in etwa einer Autostunde einen der schönsten Orte Italiens – Cisternino. Dabei handelt es sich nicht (allein) um meine persönliche Einschätzung sondern tatsächlich um einen offiziellen Titel, mit dem sich nur 100 Gemeinden in ganz Italien schmücken dürfen. Das kleine Städchen Cisternino, das gemeinsam mit Locorotondo und Martina Franca das Itria-Tal begrenzt, hat sich diesen Titel wahrlich verdient.

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Rathausplatz in Cisternino

TalblickAuf den Ruinen der römischen Stadt „Sturnium“ ab dem Mittelalter neu erbaut leuchtet von einem Hügel aus das helle Weiß der gekalkten Häuser aus dem tiefen Grün des Trulli-Tals heraus. Die hohen, schmalen und vor allem blitzblank geputzten Gassen laden zu einem Spaziergang ein. Im Sommer räumen Restaurants ihre Tische nach draußen und auch auf dem zentralen Platz vor dem Rathaus werden die zahlreichen Touristen bewirtet. Immer wieder eröffnet sich zwischen den Häusern der Blick in das Tal.

Die Mutterkirche von Cisternino - San Nicola

Die Mutterkirche von Cisternino – San Nicola

Diese romantische Umgebung und die obligatorische San-Nicola-Kirche machen die kleine Stadt zu einem Hochzeitsparadies. Und auch die Stauferliebhaber, die in Apulien fast überall auf ihre Kosten kommen, können sich in Cisternino ihrem Lieblingskaiser Friedrich II ein Stück näher fühlen. Einer Legende nach soll der Staufer dereinst auf einem Ritt durch Cisternino die Nacht mit einem Mädchen des

Hochzeitsmobil

Hochzeitsmobil

Ortes verbracht haben. Zufällig wurde zu dieser Zeit gerade die Kirche „San Nicola“ gebaut und so vermutete man, dass zwei in Stein gehauene Gesichter in einem der Kirchenkapitels Friedrich und seine Geliebte darstellen (siehe auch Rossano Astremo: 101 storie sulla Puglia che non ti hanno mai raccontato).

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Charakteristische Außentreppe

Wir verbringen im Sommer häufig ein paar Nachmittagsstunden Eis essend durch die bezaubernde Stadt schlendernd und von einem der Aussichtspunkte den Blick über das Itria-Tal genießend. Im kühlen Schatten der Bäume wird man langsam von der frühnachmittäglichen Trägheit der Stadt überwältigt und kann nicht anders, als matt den Alten zuzusehen, die sich dort bei einem Brunnen zu einem Spiel zusammenfinden, bei dem sie Münzen möglichst nah an eine andere Münze heranwerfen.

Cisternino 2Vor einigen Jahren gelangte das Städtchen zu unverhoffter Aufmerksamkeit als eine dort ansässige Sekte behauptete, dieser Ort allein sei vor dem Weltuntergang sicher. Nun kenne ich mich mit Weltuntergängen zwar nicht so gut aus, aber immerhin kann ich mit Sicherheit sagen: Sollte die Welt tatsächlich irgendwann untergehen, hätte es Cisternino definitiv verdient, stehen zu bleiben.

Vom Reiz der Leere – Das Stauferkastell in Trani

Trani - Kathedrale und Stauferkastell

Trani – Kathedrale und Stauferkastell

Wenn der Besucher in die apulische Hafenstadt Trani kommt, dann sollte er natürlich nicht nur die bereits beschriebene Kathedrale besichtigen, sondern sich auch in das gut erhaltene und seit 1998 vollständig restaurierte Kastell begeben. Davon, dass es im 19. Jahrhundert als Provinz-Gefängnis diente, ist nichts mehr zu sehen. Tatsächlich erinnert an die Moderne nur ein Uhrenturm, der sich jedoch unaufdingtlich in das Gesamtbild einfügt.

IMGP0145Da in dem Gebäude kaum etwas anderes herumsteht, als mit einem Fotoapparat bewaffnete Touristen, kann man das Gebotene mit etwas Fantasie beliebig ausfüllen. Man kann sich zum Beispiel vorzustellen versuchen, wie die Ritter und Damen des Mittelalters durch die hohen Hallen gewandelt sind und im Winter so Nahe am Wasser vermutlich oft gefroren haben und klamm waren.

IMGP0143Vielleicht versucht ihr euch auch, eine mittelalterliche Hochzeit vorzustellen, wie die von Manfred, Sohn aus der Verbindung des in Apulien allgegenwärtigen Stauferkaisers Friedrich II. und dessen langjähriger Geliebten Bianca Lancia, mit Elena Ducas, die hier stattgefunden hat. Leider ist auch dieser Verteidigungsbau des berühmten Staufers gänzlich ohne Einrichtungsgegenstände, so dass es vielleicht doch gar nicht so leicht fällt, sich etwas in den sandsteinweißen Räumen aus dem 13. Jahrhundert vorzustellen. Probiert es einfach mal aus und seht selbst (5 Euro, ermäßigt 3)!

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weitere Kastelle in Apulien

Castel del Monte

Castello Svevo di Bari

Stauferkastell in Gioia del Colle

Stauferkastell in Mola di Bari

Aragonisches Kastell in Lecce

Bianca, pack deine Brüste ein!

Innenhof

Innenhof – Stauferkastell von Gioia del Colle

Historiker und Stauferfans finden in Apulien reichlich Gelegenheit ihr Steckenpferd zu reiten. Ich hab‘ mal eine Karte im Kastell von Trani fotografiert, in der alle geöffneten, geschlossenen und auf Anfrage zu besichtigenden Burgen eingezeichnet sind. Da wird deutlich, dass Apulien sehr viel mehr zu bieten hat, als „nur“ das berühmte Castel delPentax Digital Camera Monte oder das Castello Svevo von Bari – zum Beispiel auch ein Kastell in Gioia del Colle, etwa 20 Autominuten südlich von Bari auf halbem Weg nach Taranto.

Torbogen

Torbogen – Innenansicht

Die hohen Mauern wirken nicht gerade einladend, aber das war wohl auch der Sinn bei einem Verteidigungsbau. Der Aushang auf dem steht, dass an jedem ersten Sonntag im Monat der Eintritt in das Museum gratis ist, hätte uns jedoch auch hinein gelockt, wenn wir nicht extra deswegen nach Gioia gefahren wären (sonst 5 Euro, ermäßigt 3). Wir passieren ein kleines Tor und schon stehen wir in einem rechteckigen Innenhof, den ich bereits von anderen Stauferkastellen gewöhnt bin. Wo sind die voluminösen Ecktürme? Ja, richtig, zwei vonKamin in Thronsaal ursprünglich vier Türmen stehen noch. Das Schloss macht einen gut erhaltenen Eindruck. Es gibt eine große Freitreppe, im Obergeschoss in jedem größerem Raume einen Kamin… und natürlich müssen wir uns auf den Thron setzen, um ein bisschen Quatsch zu machen. Irgendwie werde ich in Schlössern immer zum Kind. Da macht es auch gar nichts aus, dass wir hinterher lernen, dass die tolle Freitreppe aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts stammt und die Ausstattung des Thronsaals mit allen Sitzgelegenheiten und den Kaminen eher „historisch nachempfunden“ wurde. Nach dem völlig leeren Castel del Monte und dem ebenso nackte Wänden des Kastells von Trani wirkt das aufgehübtschte Mittelalter in Gioia geradezu heimelig.

noch mehr HofNatürlich gibt es auch – wie zu jedem ordentlichen historischen Gebäude – eine blutige Geschichte. Die erfahren wir im Südost-Turm, dem sogenannten Kaiserinnenturm: Hier befanden sich dereinst die Gemächer von Bianca Lancia, einer Geliebten Friedrichs II., die ihm den gemeinsamen Sohn Manfred gebar. Auf Befehl des eifersüchtigen Friedrichs soll die schwangere Bianca im Kaiserinnenturm eingekerkert worden sein, da er sie einer Beziehung mit ihrem Pagen verdächtigte.

Nach der Geburt Manfreds, stellte sich jedoch heraus, dass er dasselbe Mal wie Friedrich II. aufMiez Miez der linken Schulter trug. Statt nun triumphierend zu lachen und sich eine üppige Wiedergutmachung zu erschmollen, schnitt Bianca sich beide Brüste ab und ließ diese gemeinsam mit ihrem Kind zum Stauferkaiser bringen. Klar, dass sie diese Selbstverstümmelung nicht überleben konnte und der Legende nach in dem Turm gestorben sein soll. Wenn ihr mich fragt, hat sich ein Mann diese Geschichte ausgedacht; vermutlich einer mit einem gestörten Verhältnis zu Frauen und/ oder Brüsten. Es ist mir auch nicht ganz klar, wie Frau Lancia sich derart verletzt noch mit Friedrich vermälen konnte, um Manfred zu legitimieren, aber man muss ja auch nicht alles verstehen. Manchmal reicht es schon, wenn nur genug Blut spritzt.

Pentax Digital Camera

Ausgrabungsfunde

Von dieser erschütternden Geschichte kann man sich dann auf dem Rundgang durch eine kleine, aber feine Ausstellung mit Ausgrabungsfunden, die aus dem 6. bis 3. Jahrhundert. v. Chr. stammen, erholen. Wer das dazugehörige Ausgrabungsgebiet „Monte Sannace“ unweit von Gioia del Colle besuchen möchte, sollte an der Kasse des Kastells auch gleich Karten erwerben. Sonntagvormittags finden Führungen statt. Das machen wir sicher einmal an einem anderen Sonntag.