Nackte Geschichte – Castel del Monte

IMG_20130607_194210Etwa eine Autostunde nordwestlich von Bari entfernt in der Nähe von Andria, reckt sich von einem bewaldeten Hügel aus eine mysteriöse Burg in den apulischen Himmel. Sie ist weithin zu sehen und trägt den so einfachen wie klingenden Namen “Castel del Monte” (Schloss des Hügels). Das Mysteriöse bezieht das Kastell aus seiner einzigartigen Bauweise mit einer achteckigen Grundfläche, mit jeweils einem IMG_20130607_202357achteckigen Turm an jeder Ecke und einem ebenso achteckigen Innenhof, in dem sich auch ein achteckiger Brunnen befunden haben soll, der heute nicht mehr vorhanden ist. Von Weitem sieht es wie ein kompakter, drohender Betonklotz aus. Erst wenn man näher kommt, erkennt man, dass der Sandstein, aus dem es gebaut wurde, eigentlich weiß bis rötlich ist und das Kastell die Form einer massiven Krone besitzt.

IMG_20130607_221714Noch bevor man mit dem Auto auf die Straße, die direkt zu einem kleinen Parkplatz vor der Burg führt, einbiegen kann, weist jedoch ein freundlicher Mitarbeiter des Tourismusbetriebs darauf hin, dass man sich auf einen etwas weiter entfernten, großen Parkplatz begeben solle, um von dort mit einem Busshuttle die letzten Meter den Berg hinaufzufahren. Das Shuttle ist in der Parkgebühr mit inbegriffen, aber man kann natürlich trotzdem laufen, was sich zumindest für eine Strecke anbietet. Nur so hat man die Möglichkeit, ein wenig Pinienduft zu schuppern und sich die Füße zu vertreten. Nicht zufällig befinden sich auf dem Parkplatzareal auch diverse Bars, deren verführerischer Kaffeeduft bereits ab neun Uhr über den Platz zieht.

IMG_20130607_202638Da das Kastell im 17. und 18. Jahrhundert als Rückzugsort für Hirten und Wegelagerer diente und alles, was nicht niet- und nagelfest war, weggetragen wurde, tritt es dem Betrachter heute praktisch nackt gegenüber. Daher dauert die Besichtigung auch IMG_20130607_194011nicht viel länger als eine Stunde, wobei man schon gemächlich durch alle Räume schreiten und sich alle Ausstellungstafeln über die Geschichte durchlesen muss. Doch auch Nacktheit hat seinen Preis. So wird bei Betreten der Räumlichkeiten noch einmal kassiert (fünf; ermäßigt drei Euro).

IMG_20130608_105314Der Stauferkaiser Friedrich II., dessen immense Bedeutung für Apulien an anderer Stelle in diesem Blog noch einmal gehörig gewürdigt werden muss, ordnete Mitte des 13. Jahrhunderts die Erbauung dieses Gebäudes mit seinem außergewöhnlichen Design an. Nicht auf Verteidigung angelegt seiend ist es mit schmalen Lüftungsschächten statt Schießscharten ausgestattet. Das einstige Prunktor IMG_20130607_194054war nur mit einem Fallgitter statt mit einem Torgraben und einer schützenden Zugbrücke versehen. Dafür gibt es sanitäre Anlagen, die – man könnte es fast modern nennen – von der Dachzisterne aus mit fließendem Wasser gespeist wurden, und große Kamine in Räumen, deren Fensternischen mit Steinbänken versehen sind, von denen man einen herlichen Blick über das Umland bis zum Meer genießen kann.

Trotzdem sind sich die Forscher nicht einig darüber, welchem Zweck das Gebäude gedient haben soll. Für ein Repräsentationsgebäude wäre es demnach auf seinem Hügel viel zu weit ab vom Schuss gewesen. Der Ausbau der Stadt Foggia zum Regierungssitz ließe auch diese mögliche Funktion eher zweifelhaft erscheinen. Die Verwendung des Oktagon und anderer mathematischer Spielerein, sowie die dadurch entstehende Form einer Krone weisen allerdings auf eine symbolhafte Funktion hin. Wer sich im Detail dafür interessiert, sollte die zahlreiche Spezialliteratur dazu wälzen (eine Auswahl weiter unten). In meinem Lieblingsapulienführer von Ekkehart Rotter erfährt man beispielsweise, dass man sogar mit Toren, die nach Osten statt nach Westen weisen, den damaligen Papst ärgern konnte, was Friedrich gern getan hat, da er mit Päpsten wegen seiner pro-orientalischen Haltung und seiner wissenschaftlichen Forschung, die auf Naturbeobachtungen statt auf dem Bibelstudium basierte, auf Kriegesfuß stand und für seine wenig katholische Lebensweise auch mehrere Male exkommuniziert wurde.

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Man weiß nicht, ob Friedrich II. sein Bauwerk jemals genießen konnte. Sicher ist jedoch, dass die Anjou, welche die Stauffer nach Friedrichs Tod in Apulien besiegten und das Land an sich rissen, Castel del Monte gehässiger Weise bis ans Ende des 13. Jahrhunderts als Verlies für Friedrichs Nachkommen und deren Getreue benutzten. Danach wurde es zum Prachtbau für festliche Anlässe umfunktioniert und sah mehrere Hochzeiten in der Anjou-Familie. Anfang des 20. Jahrhunderts konnte man das „Castel del Monte“ gerade noch vor dem Verfall bewahren. Heute hingegen steht es auf der Weltkulturerbeliste der UNESCO und versetzt jährlich zahlreiche Touristen mit seiner Imponenz und die Wissenschaftler mit den Details seiner Bauweise in Verzückung.

Ich persönlich finde, dass das Castel del Monte darüber hinaus auch ein schöner Anlaufpunkt für ein Picknick ist, welches man vor oder nach einem Besuch in der ferneren Umgebung mit Blick auf die Burg genießen kann. Dazu passt dann hervorragend ein leichter Rosewein mit dem Namen des Kastells, der hier in der Gegend produziert wird. Prost Historie!

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Castel del Monte – Das Wichtigste in Kürze (stand 1.6.2013):

Wie hin?

Entweder über die A 14 (von Bari bis Abfahrt Andria 3,40 Euro; freie Bahn) oder die SS 170 (stark befahren, daher auch nur für nervenstarke Fahrer geeignet) von Bari nach Andria und dann der guten Ausschilderung folgen.

Wann offen?

April – September: 10:45 Uhr – 19:45 Uhr (letzter Einlass 19:15 Uhr)

Oktober – März: 9:00 Uhr – 18:30 Uhr (letzter Einlass 18:00 Uhr)

Kosten?

Parken: 5,00 Euro pro Fahrzeug für Parkplatz und Shuttlebus

Eintritt: pro Person 5,00 Euro; ermäßigt 3,00 Euro

Weiterlesen?

Leo Bruns – Hohenstaufenschlösser. Königstein i. Ts., 1942
Hanno Hahn, Albert Renger-Patzsch – Hohenstaufenburgen in Süditalien. Ingelheim, 1961.
Walter Hotz – Pfalzen und Burgen der Stauferzeit. Darmstadt, 1981
Stefania Mola – Castel del Monte. Bari, 1992.
Stefania Mola – Castel del Monte. Bari, 2011.
Stefania Mola – Führung durch das friederizianische Apulien. Bari, 1994.
Stefania Mola – Apulien – Die Schlösser. Bari, 2007.
Lorenzo Capone – Puglia – Castelli e Torri. Lecce, 2006.
Wulf Schirmer – Castel del Monte. Mainz, 2000.
Pietro Petrarolo – Castel del Monte. Andria, 1981.
Clemente Manenti, Markus Bollen – Burgen in Italien. Köln, 2000.
Raffaele De Vita – Castelli, torri ed opere fortificate di Puglia. Bari, 2001 (4. Auflage).
Birgit Wagner – Die Bauten des Stauferkaisers Friedrichs II. – Monumente des Heiligen Römischen Reiches. Berlin, 2005.

http://www.stauferwissen.eu

weitere Berichte über Stauferkastelle auf MeinApulien

Castello Svevo die Bari

Stauferkastell in Trani

Stauferkastell in Gioia del Colle

13 Gedanken zu „Nackte Geschichte – Castel del Monte

  1. Gitti

    Das ist der Beitrag auf den ich schon gewartet habe. Ich finde das Schloss sehr gelungen und ein tolles Wahrzeichen für die Gegend. Nach dem ich es als Werbung auf einer Olivenoelflasche im Real entdeckt hatte war ich sehr gespannt etwas über es zu erfahren (das Öl war sehr gut) Bitte noch mehr so interessante Beiträge. Gitti

    Antwort
  2. Friederike

    ja, ein ganz eigenartiges Gebäude… Wir waren im Febr. vor 1 Jahr dort, es war natürlich zu, der Wind pfiff eisig ums Gebäude, aber das Abendrot war sehenswert.
    Interessanter Bericht!!
    lg

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Wind scheint dort offensichtlich immer zu wehen. Wir wurden auf der einen Seite des Schlosses auch etwas durchgepustet. 🙂

      Antwort
  3. kaja

    Sehr interessant, aber an einem Satz stockte ich:
    „… und versetzt jährlich zahlreiche Touristen mit seiner Impotenz …“ WHAT? 😀 Zum Glück habe ich mich verlesen 😉 Liebste Grüße!

    Antwort
  4. blitta

    Eine grandiose Burg und die Kargheit der Ausstattung imponiert eigentlich ja gerade erst. Friedrich II. wird auch als „chint von Pülle“ oder „chint von Pulle“ – also aus „Kind aus Puglia/Apulien“ bezeichnet. Der Kaiser aus dem Schwabengeschlecht ist dort allgegenwärtig. Besonders schön auch die Anhöhe, auf der zumindest die Grundmauern der Burg ausgegraben worden sind, in der Friedrich starb. Ein Blick über die Wiesen – einmalig! (Jaaaa, auch ich war schon in Puglia *g*). Sind im Mittelalter übrigens keine Schlösser, sondern Burgen. Aber das auch nur am Rande. Schöner Bericht.

    Antwort
    1. Corinna Autor

      Danke für den Hinweis am Rande. Ich höre natürlich auf die Fachfrau und habe sämtliche Schlösser aus dem Bericht getilgt. 🙂

      Antwort
      1. blitta

        Uiuiui… sollte aber kein Gemäkel sein. Gefiel und gefällt mir sehr gut der Bericht! Ich war 2010 da. Im Frühsommer. War grandios! Aber Bari kenne ich zum Beispiel gar nicht. Muss ich auch nochmal irgendwann nachholen!

        Antwort

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